APRIL 2025

Von Entfremdung bis Engagement – ein Gespräch über die (Be-)Nutzung von Stadtgüterflächen

Viele Flächen der Berliner Stadtgüter sind nicht eingezäunt und werden von Anwohnenden und Spaziergänger:innen oft so intensiv wie selbstverständlich genutzt. Bei einigen Nutzer:innen fehlt das Verständnis dafür, dass auch Flächen, die nicht sofort als Acker oder Viehweide erkennbar sind, landwirtschaftlich genutzt werden oder eine andere wichtige Funktion haben. Andere Anwohner:innen hingegen setzen sich mit viel Engagement für Flächen ein.

Annett Weißschnur, Bereich Liegenschaften, und Christian Sobioch, Bereich Natur und Umwelt, im Gespräch über die Landwirtschaft vor der eigenen Haustür.

Ihr seid schon seit Jahrzehnten bei den Stadtgütern tätig. Was ist eure erste Assoziation zum Thema?
Weißschnur: Ich sehe da sofort die große Waschmaschine, die vor Jahren mitten auf einem Rieselfeld entsorgt wurde. Die werde ich nie vergessen. [lacht] Ein Dauerbrenner ist natürlich auch, dass Grünflächen als Hundespielplätze genutzt werden. Wiesen dienen aber der Futtergewinnung. Wenn sie durch Hundekot verunreinigt sind, ist das Futter für die Tiere unbrauchbar. Die Landwirte versuchen, das Problem mit den Anwohnern zu klären, müssen sich dann aber oft anhören, dass die Flächen ja nicht genutzt werden.

Menschen verstehen also nicht, dass die Fläche eine Funktion hat?
Weißschnur: Ja, genau. Eine Wiese wird genutzt, auch wenn man das nicht sieht, weil sie zum Beispiel „ungepflegt“ aussieht oder nur einmal im Jahr gemäht wird.

Sobioch: Die landwirtschaftlichen Flächen werden oft als öffentliches Gut wahrgenommen und nicht als Lebens- und Wirtschaftsgrundlage unserer Pächter. Für viele sind sie Orte der Erholung, zum Spazierengehen oder Reiten. Diese Wahrnehmung betrifft nicht nur Grünflächen.

Wir haben im Frühling wieder einige Aussaaten vorgenommen und es gibt Menschen, die die frisch eingesäten Felder überqueren oder durchreiten. Vielen fehlt der Bezug zur Landwirtschaft, es gibt eine Entfremdung.

Es mangelt an Wissen und Verständnis?
Sobioch: Ja, klar. Viele haben nie auf einem Traktor gesessen und wissen nicht, wie viele Stunden Lebenszeit investiert wurde, um zum Beispiel einen Acker vorzubereiten und einzusäen.

Was ist mit Einzäunungen?
Weißschnur: Zäune werden oft als Störung empfunden. In der freien Landschaft darf man sie wiederrum gar nicht aufstellen. Im Umkehrschluss heißt das aber eben nicht, dass jede Fläche ohne Zaun keinen Eigentümer hat und ungenutzt ist.

Die Berliner Stadtgüter informieren auf einer Vielzahl von Flächen mit Schildern über die Nutzung dieser Orte. Ändert das etwas?
Sobioch: Es gibt Viele, die sich über diese Informationen freuen, die neugierig sind, was auf den Flächen so los ist. Einige reagieren aber grundsätzlich mit wenig Verständnis, wenn es Änderungen in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt. Jede Veränderung wird als Störung wahrgenommen. Das betrifft selbst Strukturen, die die Erholung sichern, wie zum Beispiel Flächenpools, auf denen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen angesiedelt sind. Wenn wir zum Beispiel Habitate für Zauneidechsen anlegen und übergangsweise einen Schutzzaun aufstellen, kann schon das als Störung erlebt werden. Obwohl diese naturschutzfachlichen Maßnahmen doch gerade dafür sorgen, dass diese Flächen so interessant und vielfältig bleiben. Andererseits gibt es Menschen, die die Informationen schätzen. Wir haben gerade ein großes Infoschild am Mauerweg Stolpe aufgestellt. Der Verein, der sich vor Ort für das Landschaftsschutzgebiet engagiert, kam mit dazu. Das freut uns.

Viele schätzen regional erzeugtes Gemüse. Ist es dann nicht ein Widerspruch, dass die Spargelfelder vor der eigenen Haustür nicht respektiert werden?
Sobioch: Oft wird der Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Fläche und landwirtschaftlichem Produkt nicht mehr hergestellt. Wer erkennt noch Getreide ohne Fruchtstand und denkt dann daran, dass hier vielleicht das Korn fürs eigene Brot wächst?

Was könnte gegen diese Entfremdung helfen?
Sobioch: Wir haben einen Pächter, der jemanden eingeladen hatte, auf dem Trecker mitzufahren, nachdem dessen Hund immer wieder Löcher in den Acker grub. Der Mann hat beim Mitfahren dann natürlich recht schnell verstanden, was das Problem mit diesen Löchern ist. Die Berliner Stadtgüter sind auch in der Umweltbildung aktiv und unterstützen Initiativen, die sich auf unseren Flächen umweltpädagogisch engagieren. In Rüdersdorf bieten wir mit einem Verein ein Kartoffelanbauprojekt für Kinder und Teenies an. So etwas kann helfen, den Bezug zur Landwirtschaft wiederzufinden.

Ihr habt die illegale Müllentsorgung bereits erwähnt. Ein großes Problem?
Weißschnur: Ja. Bauschutt, Matratzen, alte Reifen werden auf landwirtschaftlichen Flächen aber auch auf Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen entsorgt. Die Kosten für das Beräumen müssen übrigens die Pächter tragen, wenn die Flächen bestellt sind.

Sobioch: Es gibt viele Anwohner, die sich auch hier engagieren und zum Beispiel regelmäßig Müllsammelaktionen machen. Auf den Rieselfeldern in Rüdersdorf und Großbeeren, rund um die Schönerlinder Teiche, in Schenkenhorst oder Stolpe.

Viele Menschen nutzen die Flächen nicht nur, sondern kümmern sich auch.

Werden auch Gartenabfälle entsorgt?

Weißschnur: Ja, klar. Darüber kommen auch Pflanzen auf die Flächen, die dort nichts verloren haben. Auch invasive Arten wie der Japanische Staudenknöterich, der sich sehr schnell stark ausbreitet und dessen Beseitigung mühsam und teuer ist.

Die Berliner Stadtgüter sind auf ihren Flächen für die Pflege von Bäumen und Hecken zuständig. Nach umfangreichen Pflegemaßnahmen melden sich oft Menschen, die Sorge haben, dass Bäume und Sträucher nicht sachgerecht behandelt wurden.
Sobioch: Diese Eingriffe sehen erst einmal sehr nach Baustelle aus, nach Zerstörung. Ich finde gut, dass Leute aktiv werden und nachfragen. Hier wird Verantwortung für eine öffentliche Fläche übernommen. Bei den Stadtgütern arbeiten Förster, sachkundige und sehr gut ausgebildete Kollegen und Kolleginnen, die genau wissen, was sie warum tun und ihre Flächen sehr gut kennen. Wir erklären auch gerne, was wir warum machen.

Wichtig ist also mehr Wissen über landschaftspflegerische, naturschutzfachliche und landwirtschaftliche Arbeit?
Sobioch: Ja. Und ein verantwortungsvoller, sensibler Umgang miteinander. Es gibt so viele unterschiedliche Nutzungen und Bedürfnisse – ich finde wichtig, dass alle die Augen offen halten und auch die Bedürfnisse der Anderen im Blick behalten.

Die land- und forstwirtschaftliche Nutzung und Pflege im urbanen Umfeld ist einfach anspruchsvoll. Nicht nur fachlich, auch sozial.

Am Rand einer Großstadt treffen besonders unterschiedliche Menschen aufeinander.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: BERLINER STADTGÜTER GmbH

Foto 1: Illegale Müllablagerung
Foto 2: Informationsschild am Mauerweg in Stolpe
Foto 3: Umweltpädagogisches Projekt der Berliner Stadtgüter
Foto 4: Der FÖJler der Berliner Stadtgüter entsorgt Müll, den Anwohnende am Löwenzahnpfad gesammelt haben.
Foto 5: Japanischer Staudenknöterich am Mauerweg in Stolpe
Foto 6: Durchforstungsmaßnahme am Mauerweg in Osdorf
Foto 7: Umweltpädagogisches Projekt in Rüdersdorf