Interview mit Annika Grabau, VERN e. V.

Berliner Aal, Quedlinburger Frühe Liebe, Mecklenburger Marienroggen: Alte Gemüsesorten, regionale Getreidearten und seltene Wildpflanzen sind mehr als nur Relikte vergangener Zeiten. Sie sind ein wichtiger Schlüssel für biologische Vielfalt, Ernährungssicherheit und eine nachhaltige Landwirtschaft. Seit genau 30 Jahren setzt sich der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen (VERN e. V.) dafür ein, dieses Kulturgut zu bewahren und wieder in die Nutzung zu bringen. 2026 unterstützen die Berliner Stadtgüter VERN e. V. (Angermünde) mit einer Spende. Mit Annika Grabau, Vorstandsmitglied VERN e. V., haben wir über die Anliegen des Vereins gesprochen.

Frau Grabau, herzlichen Glückwunsch zum 30. Geburtstag von VERN! Was ist die zentrale Aufgabe des Vereins?
Neben den Gemüse- oder Getreidesorten, die wir heute kennen und regulär nutzen, gibt es eine große biologische Vielfalt, die unter anderem in historischen Sorten zu finden ist. Diese werden kaum noch genutzt. Wir erhalten diese Sorten.

Was geht verloren, wenn sie nicht mehr angebaut und erhalten werden?
Diese Sorten sind sehr wichtig, weil sie genetische Vielfalt in sich tragen, weil sie andere Eigenschaften besitzen, die wir vielleicht in Zukunft noch brauchen können. Sie sind spannend wegen ihrer Anbaueigenschaften, ihres Geschmacks, ihres Aussehens und weil sie eine besondere Geschichte erzählen. Wenn diese Sorten verloren gehen, verlieren wir also sehr viel.

Der Verein bewahrt rund 2.000 alte Kulturpflanzen. Viele sind gerade für die nachhaltige Landwirtschaft relevant. Warum?
Ein Beispiel: Alte Getreidesorten stehen in der Regel viel höher und lichter im Vergleich zu modernen Sorten. Sie bringen zwar einen niedrigeren Ertrag, aber dafür sind sie auch genügsamer und brauchen weniger Dünger. Sie bieten Ackerwildkräutern und Insekten somit mehr Platz zum Leben und sie schonen den Boden. Für Landwirt:innen haben sie den Vorteil, dass sie regional häufig sehr gut angepasst sind und robuster auf widrige Bedingungen reagieren.
Und zum Thema Verarbeitung: Viele Sorten haben gute Backeigenschaften oder sind Ausgangsstoffe für besondere Biersorten oder Spirituosen. Die lassen sich als kulinarische Spezialitäten sehr gut vermarkten.

Anbauflächen des Vereins in Brandenburg

Wer interessiert sich besonders für die Seltenheiten?
Der Bereich der Raritäten und speziellen Sorten mit besonderen Eigenschaften bei Geschmack, Aussehen und Geschichte ist vor allem für Betriebe interessant, die großen Wert darauflegen, ihre Flächen wenig intensiv oder ökologisch zu bewirtschaften. Das sind beim Gemüse zum Beispiel Biokisten-Betriebe oder Solawis, die ihren Kund:innen eine möglichst breite Palette und Vielfalt bieten wollen. Das funktioniert, weil ihr Publikum dafür sehr offen ist und besonderen Sachen eine große Wertschätzung entgegenbringt.

Slow Food Deutschland hat VERN 2026 mit dem Ursula Hudson Preis ausgezeichnet. Begründet wurde dies u. a. damit, dass der Verein daran erinnere, „dass Resilienz nicht aus Kontrolle, sondern aus Vielfalt entsteht“. Was ist damit gemeint?
Unser Ansatz ist: Je abwechslungsreicher und vielfältiger die Palette ist, desto eher können wir auf geänderte Umstände reagieren. Wenn sich etwa durch veränderte Vegetationsperioden neue Schädlinge ausbreiten, dann haben wir statt nur dieser einen Sorte zehn, die wir ausprobieren und beobachten können. So schaffen wir Resilienz.

Ist die Arbeit von VERN eine Investition in eine Zukunft, von der man noch gar nicht wissen kann, was sie bringt?
Ja, das kann man so sagen. Es gibt diese genetische Vielfalt, die uns von unseren Vorfahren geschenkt wurde. Unsere Aufgabe ist es, sie zu bewahren und immer wieder zu schauen, ob wir sie auch künftig noch nutzen können.

Sie sähen das Saatgut auch aus?
Genau. Wir sähen und selektieren. Das ist wichtig, weil es innerhalb einer Sorte eine natürliche Variationsbreite gibt, bei alten Sorten sogar noch mehr als bei modernen.

Salatfelder des Vereins in Brandenburg

VERN macht eigene Entdeckungen?
Ja, das machen wir grundsätzlich sehr gerne, vor allem im Rahmen von Förderprojekten. Wir nehmen uns bestimmte Arten vor und durchsuchen dann systematisch die Genbanken, aber auch alte Gartenhandbücher und historische Saatgutkataloge. Dann schauen wir, was sich in den Genbanken findet, holen uns das Material, bauen es an und werten aus. Wenn wir feststellen, dass eine Sorte spannend ist und im Anbau gut funktioniert, nehmen wir sie ins Sortiment auf.

Vermitteln Sie zum historischen Saatgut auch Wissen im Hinblick auf Anbau, Ernte, oder Lagerung?
Ja, das ist sehr wichtig. Zum einen, damit jemand richtig mit diesen Sorten umgeht, und zum anderen, damit klar ist, was man erwarten kann. Kommunikation ist bei unserer Arbeit ganz entscheidend.

Viele Menschen kennen nur einige wenige Gemüsesorten. Was geht Konsument:innen geschmacklich verloren und welche alte Sorte fasziniert Sie besonders?
Es gibt zum Beispiel butterweiche Blattsalate, die im Supermarkt nie funktionieren würden, weil sie nach der Ernte innerhalb weniger Stunden welken. Wenn man sie im eigenen Garten anbaut, ist das kein Problem. Ich baue in meinem Garten jedes Jahr ein paar neue Sorten aus unserem Sortiment an, die ich noch nicht so gut kenne. Da ist immer etwas dabei, bei dem ich merke: Das habe ich so noch nie gegessen. Für Menschen, die Lust haben, neue Geschmacksnoten zu entdecken, ist genau das ein Gewinn.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: VERN e. V.